Tierbetäubung
Mit einem Narkosegewehr oder Blasrohr können Tiere auf eine Entfernung bis zu 60m sicher betäubt werden. Diese Technik, die viele aus der Serie Daktari kennen, hat ihren Platz nicht nur in der afrikanischen Wildnis oder im Zoo.
Auch in Deutschland gibt es viele Situationen, in denen man Tiere nicht für eine Spritze per Hand erreichen kann.
Eine ausgebrochene Kuh auf der Landstraße oder ein ängstlicher Hund auf der Autobahn: Es vergeht keine Woche ohne derartige Meldungen in Radio und Fernsehen.
Doch auch in der landwirtschaftlichen Tierhaltung kommt es immer öfter zum Einsatz eines Narkosegewehres: Das gesellschaftliche Bedürfnis nach Bio-Rindfleisch führt zu immer mehr Freilandhaltungen. Eine Rinderherde, die ganzjährig im Freien gehalten wird, reagiert auf den Anblick des Menschen oft mit Flucht und manchmal sogar mit Angriff. Routinemaßnahmen wie Blutentnahme oder Impfungen scheitern dann plötzlich am Verhalten der Tiere. Ein Narkosegewehr schafft hier Abhilfe. Neben Medikamenten zur Betäubung können übrigens auch Impfstoffe oder Antibiotika verschossen werden.
Damwild, Strauß und Emu sind Tierarten, die auf immer mehr Höfen anzutreffen sind. Ihre Nutzung als Fleischlieferant nimmt zu – dabei sind diese Tiere bei weitem nicht so einfach zu halten wie Schweine oder Hühner. Ohne ein Narkosegewehr gelingt ein Einfangen oder eine tierärztliche Behandlung nur selten.
Blasrohr und Gewehr
In den 1960er Jahren wurde erstmals ein Gewehr entwickelt, mit dem Spritzenpfeile auf weit entfernte Tiere verschossen werden konnten.
Hauptsächlich kamen die Geräte in der Wildtierforschung zum Einsatz. Anfangs noch mit Pulverladung betrieben, verursachten die Pfeile durch die Auftreffwucht erhebliche Verletzungen bei den Tieren.
1972 gelang dem deutschen Ingenieur Werner Kullmann mit seinem Blasrohrsystem ein großer Durchbruch für die Tier schonende Betäubung. Mit geringer Wucht und dabei äußerst präzise konnten Pfeile durch das Blasrohr auf bis zu 20m verschossen werden.
Heute finden sich auf dem Markt etliche Blasrohrvarianten unterschiedlicher Hersteller. Das Kaliber 11mm hat sich dabei den Spitzenplatz erobert. In diesem Rohrdurchmesser sind Spritzenpfeile mit 1 – 3ml Volumen erhältlich. Mit diesen Medikamentenmengen lassen sich von einer Ratte bis zum Elefanten alle Tiere betäuben.
Eine Weiterentwicklung des Gewehres mit Pulvertreibladung stellt das CO2-Injektionsgewehr dar. Mit diesem kann der Antriebsdruck je nach Schussentfernung (bis 60m) verändert werden, so dass der Spritzenpfeil immer sanft auf das Tier trifft und keine Verletzungen verursacht. Dazu sollte die Auftreffenergie weniger als 18 Joule betragen.
Injektionsgewehre mit CO2-Antrieb gibt es von den deutschen Herstellern Teledart und Telinject. Hochwertige Produkte bietet ebenso die dänische Firma DAN-INJECT.
Mit ihrem Modell JM-Special existiert ein Gewehr, dass sich durch Zerlegen auf eine Länge von 65cm verkürzen lässt. Auch in diesem Zustand kann man noch bis zu 20m weit präzise schießen – ideal für die Verwendung aus einem Traktor oder Streifenwagen heraus. Durch den Einbau des langen Laufes wächst die Länge auf 125 cm und ermöglicht präzise Schüsse noch auf Entfernungen bis 60m.
Medikamente
Spritzenpfeilen mit 1-3ml Injektionsvolumen bieten sich nur wenige Medikamente an. Diese müssen bei geringer Menge hochwirksam sein. Gleichzeitig sollten sie einfach zu dosieren und möglichst ungefährlich in der Anwendung sein.
Durchgesetzt hat sich die "Hellabrunner Mischung", welche Henning Wiesner als Zoodirektor des Münchner Tierparks Hellabrunn erfand.
Bei dieser Kombination werden 500mg Xylazin-Pulver mit 4ml Ketamin (100mg/ml) aufgelöst. Jeder Milliliter dieser Lösung enthält somit 125mg Xylazin und 100mg Ketamin.
Xylazin (Handelsname z.B. Rompun®) wirkt beruhigend (sedierend), schmerzstillend (analgetisch) und muskelerschlaffend (relaxierend). Zugleich wirkt es auch örtlich betäubend, so dass die Einstichstelle nicht schmerzt. Xylazin lässt sich für nahezu alle Tierarten einsetzen. Wiederkäuer (z.B. Rinder) reagieren auf diesen Wirkstoff sehr viel empfindlicher als Hunde und Katzen. Schweine benötigen die höchsten Dosierungen.
Die Wirkdauer beträgt je nach Tierart etwa 45 bis 90 Minuten. Eine andauernde Müdigkeit ist auch noch über mehrere Stunden möglich.
Ketamin (z.B. Ursotamin®) ist ein Anästhetikum; es dämpft die Wahrnehmung, löst eine Gedächtnislücke (Amnesie) aus und ist zudem schmerzlindernd. Ketamin lässt sich für alle Tierarten verwenden. Auch in der Humanmedizin wird es eingesetzt, z.B. bei der Schienung von Knochenbrüchen im Rettungsdienst und auch für kleine Eingriffe in der Kinderchirurgie. Da es bei Alleingabe (ohne ein zusätzliches Beruhigungsmittel) das Bewusstsein erweitern und Halluzinationen hervorrufen kann ist es leider auch als illegale Partydroge häufig anzutreffen.
Die Wirkdauer beträgt etwa 20 – 30 Minuten.
Beide Medikamente, also auch die Hellabrunner Mischung als Kombination, besitzen eine große therapeutische Breite. Das bedeutet, dass die korrekte Dosierung weit von der tödlichen Menge entfernt liegt. Da bei der Tierbetäubung das Gewicht des Tieres nur geschätzt werden kann, besteht immer das Risiko einer versehentlichen Überdosierung. Bei Nutzung der Hellabrunner Mischung ist dies allerdings verhältnismäßig harmlos und beinahe ungefährlich für das Tier. Bereits vier Wochen nach einer Betäubung mit der Hellabrunner Mischung darf das Tier schon wieder geschlachtet und gegessen werden.
Mit dieser Hellabrunner Mischung lassen sich also annähernd alle Tierarten schonend und risikoarm betäuben; hier einige Dosierungsbeispiele (nach Wiesner).
Je nach Alter und Größe (aufgeregte, aggressive Tiere können höhere Dosierungen benötigen):
| Rind: | 0,4 – 1,5 ml |
| Hund: | 0,3 – 1,0 ml |
| Damhirsch: | 1,0 – 2,0 ml |
| Schaf: | 0,05 – 0,25 ml |
| Känguru: | 0,2 – 0,7 ml |
| Löwe: | 0,5 – 3,0 ml |
| Elefant: | 0,8 – 2,0 ml |
Sehr effektiv, allerdings auch gefährlich, ist das Medikament Etorphin. Es stammt aus der Gruppe der Opiate und unterliegt dem deutschen Betäubungsmittelgesetz. Etorphin wird vor allem in der Zootiermedizin oder der afrikanischen Wildtierforschung eingesetzt.Tiere, die mit Etorphin behandelt wurden, dürfen nicht mehr als Lebensmittel verwendet werden. Deshalb ist Etorphin in Deutschland nur wenig gebräuchlich.
Einige weitere Medikamente kommen noch in Frage, allerdings eher in besonderen Einzelfällen, in denen die Hellabrunner Mischung nicht das Mittel der ersten Wahl ist.
Zoletil® wirkt bei Bären besser als die Hellabrunner Mischung. Diese Kombination aus den Wirkstoffen Tiletamin und Zolazepam sollte auch für den Braunbären Bruno in Bayern eingesetzt werden. Zoletil® ist derzeit in Deutschland nicht mehr zu beziehen, ist allerdings im Einzelfall legal aus anderen europäischen Ländern einzuführen. Als Lebensmittel scheidet das behandelte Tier dann hingegen aus.
Detomidin (z.B. Domosedan®) ist die chemische Verwandtschaft von Xylazin. Es wirkt allerdings bei Pferden sehr viel besser und kann auch bei trächtigen Rindern noch bis kurz vor der Geburt eingesetzt werden, ohne dass eine Gefahr für das Kalb besteht. Leider führt es nicht zu einem so entspannten Hinlegen der Rinder wie Xylazin.
Medetomidin (z.B. Domitor® gehört ebenso in die Gruppe von Xylazin wie das Detomidin. Es wirkt dabei stärker und länger. Jedoch dürfen Tiere, die mit Medetomidin behandelt wurden, nicht als Lebensmittel genutzt werden. Und oft kommt es bei der Tierbetäubung nur auf kurze Narkosen an. Für diesen Zweck ist die Wirkdauer von Medetomidin mit bis zu drei Stunden zu lang.
Stresnil® eignet sich für die Schweinebetäubung. Und mit Vetranquil® besteht die Möglichkeit, scheue Pferde oder auch Hunde leicht zu beruhigen, um sie dann mit der Hand zu ergreifen.
